Appell an den Gemeinsinn
Im Gespräch mit Landkirchens Bürgermeister: Tourismus, Landwirtschaft, LSE
LANDKIRCHEN (esk) Gerechtigkeit. Ein kleines, profanes Wort steht über vielem, was Hartmut Specht betrifft. Die Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch sein
politisches Denken, ist ihm Bedürfnis und zugleich Motivation zum politischen Handeln. Seit wenigen Tagen ist der Berufsschullehrer und Nebenerwerbslandwirt auch Bürgermeister der Gemeinde
Landkirchen. Wir wollten von ihm wissen, worauf es ihm in dem Ehrenamt besonders ankommt.
„Ich wollte den Job nicht für den Status Bürgermeister, sondern ich will etwas bewegen." - das Bekenntnis klingt glaubhaft. Schließlich erklärt es gleich zu Anfang, er habe ursprünglich gar nicht in
die Politik gehen wollen. Aktiv wurde er dann doch, „weil mir die gesellschaftliche Entwicklung nicht passte. Und wenn einer was zu sagen hat, dann sollte er das auch tun."
1996 trat der studierte Agrar-Ingenieur der SPD bei, 1998 kam er in die Gemeindevertretung. Schon seit einiger Zeit engagierte er sich in der Parteiinternen Arbeitsgruppe „Ländliche Räume". Sicher
-am liebsten würde er manche Dinge im großen Rahmen auf Landes-, Bundes- oder Europa-Ebene neuordnen, doch Hartmut Specht sieht im Bürgermeister-Amt einen großen Vorteil: .Im Kleinen kann man vieles
umsetzen, was man im Großen vielleicht nie erreicht." Was er auf Fehmarn umsetzen möchte, weiß er genau. Ausgerechnet das Anliegen mit der für ihn derzeit höchsten Priorität lässt sich am schwersten
vermitteln: Fehmarn braucht besser heute als morgen die Ländliche Struktur- und Entwicklungsanalyse, sagt er. Hinter dem unhandlichen Begriff, der seit einiger Zeit als „LSE" auch durch die Zeitungen
geistert, verbirgt sich die Grundvoraussetzung der Landesregierung, um für strukturverbessernde Projekte jedweder Art Zuschüsse zu bekommen. „Die LSE ist eine Große Chance für Fehmarn!", wirbt
Specht. „Die zentrale Frage ist nur: Was wollen wir? Was wollen die Bürger?" Wichtig ist ihm dabei auch, „dass alle an einem Strang ziehen. Dass alle vier Kommunen gemeinsam Konzepte entwickeln
und zusammen- nicht gegeneinander arbeiten. Fehmarn steht vor der Frage: Kommen wir gemeinsam voran, oder wurschteln wir weiter so vor uns hin?"
Unausweichlich auch das Thema Tourismus: Welchen Weg soll die Insel gehen?
Hartmut Specht hat konkrete Ansätze: Mit einer inselweit geltenden Plastikkarte ließen sich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, erklärt er. Die Karte sollte zum einen so attraktiv sein
(kostenloser ÖPNV, Schwimmen und Museumseintritte für die Hälfte, usw.), dass jeder Gast sie sich gerne und freiwillig zulegt. Die Gerechtigkeit spielt auch hier eine Rolle: Über die Karte könnten
beispielsweise die Kurtaxe abgewickelt und die tatsächlichen Vermietungen erfasst und damit die Fremdenverkehrsabgabe berechnet werden.
Besonders am Herzen liegt dem Bürgermeister Fehmarns Inselcharakter. Einiges gelte es zu tun, um ihn zu erhalten. 150 landwirtschaftliche Betriebe müssten auf der Insel bleiben, um das Dorf- und
Landschaftsbild zu erhalten (derzeit sind es genau 150). Für die Landschaftspflege sollte sich jeder einsetzen: Teiche an- statt trocken legen, Knicks pflanzen statt sie abzuholzen, Wege nicht
allmählich immer schmaler pflügen - und vieles mehr. Landbesitzer partizipieren schließlich in der Regel am Tourismus, argumentiert Specht.
Und noch etwas fordert er: „ich appelliere an jeden Landbesitzer, dass er beim Radwegebau seinen Boden zu den ortsüblichen Preisen zum Verkauf stellt! Nicht selten nämlich würden die Flächen -kaum
dass eine Gemeinde einen Fahrradweg darauf einrichten möchte - plötzlich das Fünffache kosten und da mit unerschwinglich werden.
Gerechtigkeit verlangt Hartmut Specht auch, wenn es um Bauland geht: „Es muss auch den Menschen mit kleinerem Einkommen möglich sein, zu bauen. Wir müssen uns an der Wirtschaftskraft der breiten
Masse orientieren." Und die sei auf Fehmarn leider nicht besonders stark.
Nicht zuletzt soll Fehmarns Tourismus dezentralisiert, sprich kleinteiliger werden. Keine großen Ferienanlagen, kein Vergnügungspark.
Wie steht es da mit dem Zukunfts- und Energiepark? Hartmut Specht zögert lange mit der Antwort: „Ich hatte gehofft, dass der Zukunftspark wirklich anspruchsvoll wird, eine Dauerausstellung von
Spitzentechnologie. Ein zweites Hansa-Land darf er nicht werden." Auch hier hat der 55-Jährige konkrete Vorstellungen: Biomasse-Ausstellungskraftwerk, EnergiesparSchwimmbad, Autorennbahn mit
Solarautos, Solar-Inselbahn, begehbares Windkraftrad und und und...
Allein schon der dringend benötigten Arbeitsplätze wegen würde er das Projekt natürlich gutheißen, denn: „weitere Arbeitsplatzverluste sind nicht verkraftbar."
In der Theorie füllt Hartmut Specht seine neue Rolle schon gut aus. Was es indes wirklich heißt, Bürgermeister für 2300 Menschen zu sein, wird der Bisdorfer erst nach und nach erfahren. Dass er dabei
nicht von Anfang an rundum souverän wirken kann, weiß er selbst: "Ich muss in dieser Position erst einmal meinen Platz finden."
Erschienen im FT am 28.03.2000